2000 Jahre Römer in Germanien
   

 

 

Die Schlacht um die Schlacht“ ist geschlagen –
Kalkriese ist unangefochten


Am Pult: Susanne Wilbers-Rost, Ausgrabungsleiterin in Kalkriese
Auf dem Podium (v. links:) Jutta Prieur-Pohl, Moderatorin;
Günther Moosbauer, Uni. Osnabrück, Achim Rost,
Schlachtfeldarchäologe; Peter Kehne, Uni Hannover;
Reinhard Wolters, Uni. Tübingen

Phil Hill, Detmold/Kalkriese, Oktober 2006

Im Herbst 2006 entbrannte erneut die Kontroverse um die „Örtlichkeit der Varusschlacht“: Angebliche gebe es nun erneut Zweifel über die weitgehend akzeptierte These von Kalkriese im Osnabrücker Land. Die Zweifler sind allerdings altbekannt: Sie wollen Kalkriese diskreditieren, denn wenn die Schlacht nicht da war, dann muss sie doch wohl in ehemaligen Fürstentum Lippe gelegen haben, das 1867 im Zuge der deutschen Einigung zwar seine Unabhängigkeit verlor, dafür aber mit dem „Hermannsdenkmal“ Ruhm und Reichtum gewann. Mit dem Ruhm war es 1945 dahin, als Deutschland sich immer mehr seiner ganzen Vergangenheit schämte, mit dem Reichtum dann aber 1989, als klar wurde, dass die Schlacht ganz woanders stattgefunden hatte und 40% des Tourismus der Stadt Detmold wegbrach.

Nun kam es zur großen öffentlichen Debatte, folgerichtig in Detmold: In der einen Ecke 3 Kalkrieser Archäolog/innen, in der anderen die Hauptzweiflern aus der Historikerzunft. Was unter dem Strich herauskam war wenig spektakulär: In Kalkriese ist man, wie jedes Jahr, ein Stückchen weitergekommen mit der Erstellung der Beweislage. Und in Detmold kann jeder der sehen will erkennen, dass die „heimische Mannschaft“ keine Torschützen hat, ja nicht mal an den Ball rankommt.

Ausgelöst wurde das ganze vom bevorstehenden Bericht des Kalkrieser Museums um die Grabungsergebnisse des endenden Jahres. Man hatte es hauptsächlich damit verbracht, am westlichen Ende des Geländes einen Bereich zu erforschen, der quasi-quer zum bekannten, weitgehend in Ost-West-Richtung verlaufenden Germanenwall liegt. Dort waren die Spuren eines Grabens entdeckt worden, der, wenn man den Wall als parallel zur römischen Marschrichtung gelegen betrachtet, eher in die quer dazu verlaufende Richtung liegt und so teilweise den weiteren römischen Marsch aus der „Falle“ heraus behindert hätte.

Auf diesen Befund stürzte sich nun die gesamte „Anti-Kalkriese“-Meute. Ein Spitzgraben sei das nämlich! Also römisch! Germanen hätten doch keinen Spitzgraben hingekriegt! Der Wall müsse doch von Römern gebaut worden und könne daher unmöglich in der Varusschlacht entstanden sein, sondern hier müsste es sich doch um eins der Lager des Caecina-Heeres gehandelt haben, das 15 n.Chr., 6 Jahre nach der Varusschlacht also, an den so genannten „langen Brücken“ gerade noch der Vernichtung entging.

„Krisengipfel?“

Anberaumt wurde dann eine Debatte – laut Spiegel ein „Krisengipfel“ der angeblich in die Enge getriebenen Kalkriesern. Das war natürlich eine Ente: Falls die Kalkrieser mal die Krise kriegen, tagen sie vermutlich im Osnabrücker Raum und „Gipfeltreffen“ werden in der Regel nicht öffentlich gehalten. Was also im Detmolder Landesmuseum stattfand war eine ganz normale Podiumsdiskussion im Rahmen der gemeinsamen Tätigkeiten zur 2000. Jährung der Varusschlacht, 2009. Von Krisenstimmung war bei den Kalkriesern auch überhaupt nichts zu merken, sondern nur eine wissenschaftlich-nüchterne Gelassenheit.

Wer aber Veranstaltungen von Wissenschaftlern in Museen kennt, konnte nur staunen, was für eine Menschenschar in der beschaulichen Fürstenresidenzstadt zusammenströmte, um sich die Details dieser eher trockenen archäologischen Materie vortragen zu lassen. 250 quetschten sich rein, mindestens 100 mussten draußen bleiben. Lokalpatriotismus war wohl eher der Anlass, trotzdem blieb man friedlich und freundlich. Aber kam Volk auf seine Kosten?

Geleitet wurde die Kalkrieser Mannschaft von Prof. Günther Moosbauer, ein jovialer Bayer der von der Uni in Osnabrück aus die Aufsicht über das wissenschaftliche Projekt innehat; er erzählte vom Hintergrund der Grabung und fasste die These zusammen, es handele sich tatsächlich um die Reste eines Teils der Varusschlacht. Susanne Wilbers-Rost, die vor Ort die norddeutschen Scholle umgräbt, berichten von den Grabungen des Jahres, ihr Mann Achim Rost trug zur Schlachtfeldarchäologie vor, bei der die Kalkrieser Grabung zu den prominentesten Projekten weltweit zählt.

Spannend war der Befund des letzten Jahres eigentlich schon, denn er zeigte, das die Germanen den Schlachtfeld nicht nur seitlich sondern auch am Ausgang befestigt hatten; der Mangel an Kampfspuren legt nahe, dass sie das auch ziemlich erfolgreich taten, denn die Römer sind wahrscheinlich nicht weitergekommen. Aber für solche Schlussfolgerungen sind Archäologen generell viel zu vorsichtig, nächstes Jahr kommt ja auch schon die nächste Grabung.

Für die vorangegangene Aufregung hatte man aber einen Dämpfer bereit: Auch bei den bereits gefunden Gräben am Wall habe man beiderlei Gräben gefunden: Sowohl Muldengräben – d.h., Gräben, so wie sie normale Menschen ausheben, wenn sie das mal tun –, als auch Spitzgraben, also die speziellen, steilen und spitz zulaufenden römischen Lagergräben, die im Kampf viel wirkungsvoller sind. Und auch beim neuen Befund habe es beides gegeben. Die Erklärung: an einer Stelle hätten wohl Germanen aus dem nächsten Dorf gebuddelt, an der anderen die römisch ausgebildeten germanischen Hilfstruppen, die Arminius befehligte und die zusammen mit ihm zu den Aufständischen übergelaufen waren. Diese Männer konnten auch einen Spitzgraben ausheben. Also keine Krise, sondern Schall und Rauch.

Mit kleiner Münze

Auf der anderen Seite waren die beiden Historiker, die immer noch „nicht an Kalkriese glauben“, nämlich der Hannoveraner Peter Kehne und der Tübinger Professor Wolters. Letzterer ist Numismatiker und erlaubte sich einen Vortrag zum Münzbefund, den bestimmt kaum ein Anwesender verstehen konnte. Allerdings: Ausgeblendet hat er zunächst weitgehend gerade die Münzen, die für die Diskussion am wichtigsten sind, nämlich das Kupfergeld der Soldaten, das in Kalkriese gefunden wurde bzw. fehlte. Auf Nachfrage ging er dann doch darauf ein. Was dann unter dem Strich herauskam war:

1. Sicher ist, dass das Schlachtgeschehen von Kalkriese nach dem Jahr 7 n.Chr. stattfand, denn es wurden dort Münzen mit Varus’ Gegenstempel gefunden und er kam erst in diesem Jahr in Germanien an. Also erlauben die in Kalkriese gefundenen Münzen definitiv diese Schlacht an diesem Ort – zunächst aber auch eine spätere.

2. Münzen, die wohl nach dem Jahre 10 n.Chr. gemünzt wurden, fehlen gänzlich, besonders eine Ausgabe, die, wie viele meinen, speziell für das neue, nach Jahr 10 gebildete Heer herausgegeben wurde. Keiner kann mit absoluter Sicherheit beweisen, dass dieses Fehlen die Schlacht auf den Zeitraum 7 bis 10 begrenzt – und in dieser Zeit gab es nur die eine Schlacht –, wie die Kalkrieser vermuten. Man ist sich auch nicht sicher, dass es die fehlenden Münzen nicht schon früher gab. Aber alle funden deuten darauf hin. Und Kalkriese eben auch. Vollkommen bewiesen ist nichts – das wäre ein Zirkelschluss. Aber andersrum: Die Münzkunde – einschließlich Wolters – hat auch nichts, das die Örtlichkeit in Kalkriese in Frage stellen würde und schon gar nichts, um einen gegenteiligen Beweis zu erbringen.

Kehne Ahnung

Und dann war noch Kehne, um für Aufregung – oder auch Aufheiterung – zu sorgen. Seine schon mal zu Papier gebrachten Anpöbeleien gegen die Kalkrieser Kollegen wiederholte er in abgeschwächter Form gegen Wilbers-Rost: „Sie sind keine provinzrömische Archäologin.“ Nun gut. Erstens ist Kehne auch nicht unbedingt ein Althistoriker sondern ein Spezialist für Gewerkschaftsgeschichte, aber lassen wir das mal durchgehen. Wichtiger aber ist; Susanne Wilbers-Rost ist eine sehr erfahrene Germanen-Archäologin, insbesondere in diesem Raum – und der Fundort ist kein „provinzrömischer“ sondern eher ein germanischer, auch wenn die meisten Fundstücke römischen Ursprungs sind – das ist aber im freien Germanien gar nicht unüblich.

Sieht man von diesen Sachen aber ab und auch von der nervig-flapsigen Redensart des Mannes (das Wort „irgendwie“ kommt in seinem Sprachduktus öfter vor, als „der“, „die“ und „das“ zusammen), so stößt man sich v.a. an seine unmöglich unwissenschaftliche Methodik: Er sucht sich Faktum aus, erklärt es zu einem „Ausschlussgrund“ – „…deswegen kann die Schlacht gar nicht in Kalkriese stattgefunden haben“ – und wischt damit jede Argumentation vom Tisch, den man für die Gegenthese vorträgt.

Natürlich wäre diese Methode u.U. angebracht. Wenn jemand behauptet, er habe an einem Hügel in Neuengland die Knöpfe französischer Uniforme aus dem frühen 19. Jhdt. entdeckt und daher meint, die Schlacht bei Waterloo habe eigentlich dort, da die Landschaft auch stimme, stattgefunden, dann reicht natürlich der Ausschlussgrund, dass die französische Armee 1815 gar nicht die Möglichkeit gehabt hätte, nach Amerika zu gelangen, um eine solche unsinnige Diskussion schnell zu beenden. Doch auch – und gerade – wo die Fakten weniger eindeutig sind, muss ein Ausschlussgrund eben wirklich stichhaltig sein, etwa genauso unerschütterbar, wie die Unmöglichkeit einer Überfahrt Napoleons nach Amerika mit seiner ganzen Armee. Was sind also Kehnes „Ausschlussgründe?“ In seinem Vortrag gab es mindestens drei:

1. Das mit den Spitzgräben. Dort blamierte er sich ganz besonders gründlich mit der Behauptung, Spitzgräben könnten nur römisch sein, das sei ein „Dogma“ der Archäologie. Erstens stimmt das nicht, zweitens sind „Dogmen“ wohl in einer solchen Diskussion hoffentlich eine wesensfremde Kategorie.

2. Die Tierknochen. Eins der überzeugendsten Argumente für Kalkriese sind die Knochenfunde – mit Spuren von Witterung und Raubtierbiss, die genau bezeugen: Sie wurden erst nach Jahren bestattet, also vermutlich, wie von Tacitus berichtet, vom Germanicus-Heer im Jahre 15 n.Chr. Wenn die Knochen aber aus einer späteren Schlacht stammen – zwangsläufig frühestens in 15 n.Chr. –, wer hat sie dann Jahre später begraben? Wohl nicht Germanicus, ein paar Wochen früher! Die Germanen meint Kehne, ordentliche Deutsche waren das wohl und haben irgendwann einen Putzrappel gekriegt. Aber das nur nebenbei. Mehr noch beschäftigt ihn die Tatsache, dass in den Gräbern auch die Knochen von Pferden und Maultieren lagen. Das hätten die Römer nie geduldet, sagt er, dadurch hätten sie die Gräber entweiht, unmöglich, ausgeschlossen und somit fertig. Und Jungs vom Lande waren das auch alle, Tier- und Menschenknochen konnten die gut und auf Anhieb unterscheiden, genau und ohne Irrtum. Auch hier ergibt der Kalkrieser Befund zwar ein plausibles Bild: in den Gräbern überwogen in der Tat die Menschenknochen, während die Tierknochen in größerer Zahl bei den nicht bestatteten Knochen vorkamen, einen Versuch, sie zu trennen, hat es also wohl gegeben. Aber nein, wenn es überhaupt vermischte Funde gibt, dann ist das für Kehne schon ein Ausschlussgrund gegen Kalkriese.

Er war wohl nie bei der Bundeswehr, sonst hätte er sich die Situation besser vorstellen können: „Los Jungs, jetzt sammelt mal die Knochen ein. Und aufpassen, dass ihr nur die Knochen von den Kameraden in die Gräber schmeißt und nicht die von ’nem Gaul!“ Und dann sammelt man fleißig und wenn der Soldat meint, vielleicht ist das ein Pferdeknochen, dann lässt er’s liegen. Vielleicht deutet er aber v.a. die als „Pferdeknochen“, die in den Brennnesseln liegen und sammelt die, die leichter zu kriegen sind, zusammen. Der Spieß kann ja nicht überall gleichzeitig aufpassen. Und irgendwann hat man genug Knochen im Loch und er wird zugeschüttet. Und wahrscheinlich sind dann auch mehr Menschenknochen in dem Loch, aber vielleicht eben auch ein paar andere…

3. Die „geschändeten Denkmäler“. Tacitus berichtet, dass bei Kämpfen am Ende dieses Jahres, die Germanen sowohl dieses Grabmal als auch ein Denkmal für Drusus, wohl irgendwo im Ruhrgebiet, zerstört hätten und dass die Römer am Anfang des nächsten Jahres, 16, letzteres Gebiet wiedererobert und das Denkmal wiederaufgebaut hätten, das Grabmal aber nicht mehr. Das hat in der Vergangenheit viele Historiker vermuten lassen, dass es auch eine räumliche Nähe zwischen den beiden Bauwerken gegeben haben müsse, was aber immer weniger geglaubt wird, denn: Im Ruhrgebiet fand die Varusschlacht bestimmt nicht statt. So erstellt Kehne aber jetzt eine lange Textexegese um festzustellen, wie nahe am Denkmal das Schlachtfeld gelegen haben muss und kommt zum Schluss, Kalkriese sei zu weit. Daher, erklärt er seinem erleichterten Detmolder Publikum, muss die Schlacht auch in dessen Nähe stattgefunden haben. Die Logik ist aber nicht zwingend, denn Detmold ist genauso weit vom vermutlichen Ort dieses Denkmals, wie Kalkriese, beide sind, nach dem katastrophalen römischen Feldzug von 15, tief in Feindesland, beide sind hinter Berge. Der Schluß: Entweder das Varusschlachtfeld lag irgendwo bei Dortmund – was nicht sein kann –, oder Tacitus hat ein bisschen verkürzt und schludrig berichtet, was durchaus sein kann. Im letzteren Fall aber sind wir wieder mit unserem Latein am Anfang und müssen erneut feststellen, was alle seit 500 Jahren wissen: Tacitus sagt uns nicht, wo die Varusschlacht lag, sondern gibt nur Deutungen.

Fazit aus dem Ganzen: Wolters hat nicht einmal Zweifel gesät, Kehne hat sich einfach nur blamiert. Das „Aufgebot zum letzten Gefecht“, das die Detmolder „Hermannschlacht“ in letzter Not aus den Fängen des Kalkrieser Ungeheuers retten sollte, ist, im Anmarsch auf 2009, gescheitert. Etwas für die große Glocke ist das allerdings nicht: Die meisten haben es schon längst gewusst, die Ewiggestrigen werden’s auch jetzt nicht mehr lernen. Das zeigte ein Zuschauer in Detmold, der sich gegen Ende des Vortrages zu Wort meldete: „Ich bin ein Laie, ja? Nur ein Laie! Ich habe eine Frage: Geht es hier um die Varusschlacht, oder geht es um Kalkriese?“