2000 Jahre Römer in Germanien
   

 

 

Wo die Römer standhielten – Phil Hill, Berlin, 10.5.2009

Anfang der 1990er Jahre hatten Archäologen ein Töpferviertel entdeckt. In einem der zehn Öfen lagen Teile der Skelette von 24 Menschen und einem Hund.
Foto: Jochen Hähnel

Die Schädelkalotte und die Reste des Kiefers des ebenfalls im Töpferofen gefundenen Hundes.

Foto: LWL/Andreas Weisgerber

Modell eines Töpferofens.
Foto: LWL

Aliso – das war Roms uneinnehmbare Festung rechts des Rheins, zweimal trotzte es Belagerungen, nachdem die Germanen ihre Feinde sonst überall verjagt hatten. Jetzt erhalten die Berichte der Römer auch von der Archäologie Bestätigung: 24 germanische Krieger waren wohl beim Versuch, den Wall zu stürmen, gefallen. Die römischen ‚Verteidiger entsorgten die Leichen pietätlos in einer Grube neben dem Töpferofen. So fand man sie 1,975 Jahre später – anders als die ihrer meist siegreichen Kameraden, deren Leichen geborgen und verbrannt wurden, wie es einem toten Helden gebührte, der zur ewigen Saufgelage im Walhall verabschiedet werden sollte.

Vor 18 Jahren wurden die Knochen in Haltern an der Lippe gefunden, die neuen Erkenntnisse stammen aus der Untersuchung der Zahnschmelze bei 10 der Männer, ein Verfahren, das den Ort verrät, wo einer aufwuchs. Die Germanen stammten größtenteils aus der Umgebung, doch auch Kämpfer aus dem fernen Süden waren dabei. Zum dritten Mal in einem Jahr beflügelt damit eine solche „Sensationsentdeckung“ aus der Römerzeit in Nordwestdeutschland das „Varusjahr“, genau 2000 Jahren nach der Vernichtungsschlacht bei Osnabrück, in der die 3 „Varus-Legionen“ untergingen.

Ob die Männer beim Kampf kurz danach im Winter des Jahres 0009 oder erst 6 Jahre später starben, ist nicht klar. Die Festung Aliso war die einzige, die nach der Niederlage kurze Zeit standhielt, bevor auch sie geräumt wurde; gestürmt wurde sie aber nie. Auch im Winter 0015/16 sind Kämpfe um die Festung vermeldet – die Römer hatten sie also im Zuge ihres langsamen Vorstoßes in den Jahren 0010-14 wieder besetzt –; auch aus diesen Kämpfen könnten die Leichen stammen.

Der Fund ist ein starkes Indiz dafür, dass es sich bei der riesigen Anlage – fast schon eine Stadt – am Hang oberhalb der Lippe tatsächlich um Aliso handelte, woran viele in der Wissenschaft zweifeln, ganz klar sei es hiermit immer noch nicht, so der Halterner Archäologe Rudolf Aßkamp. Doch wenn, dann stünde sein Arbeitsplatz, das große Römermuseum, tatsächlich an der richtigen Stelle – anders als das Hermannsdenkmal bei Detmold, das an die Varusschlacht erinnern sollte. Doch trotzte Aliso auch den Sturm, so erlitten die Römer ansonsten immer verheerendere Rückschläge, letztlich räumten sie das ganze Gebiet, auch ihre Trutzburg an der Lippe. 1250 Jahre vor seiner Gründung hatte Haltern seine ruhmreiche Zukunft schon hinter sich.

Auch aus dieser Zeit stammt wohl das Marschlager in Barkhausen an der Weser, südlich von Minden, das im letzten Sommer gefunden wurde. Mit diesen beiden Entdeckungen erhält der lange Krieg endlich auch archäologische Konturen. Und im Herbst grub man sogar einen bisher unbekannten Krieg aus: Zwischen Hildesheim und Göttingen fand man die Spuren eines Angriffs, der nur von einem riesigen römischen Heer hätte geführt werden können – die Armee des Kaisers Maximin, der im Jahre 235 in Germanien einfiel. Man hatte den Krieg bislang als Geplänkel an der Grenze vermutet, nun entpuppt es sich als vielleicht die größte römische Invasion in Germanien überhaupt. Der Angriff selbst war erfolgreich – aber er war nur der Ausbruch aus einer Falle. Der Traum, Germanien zu erobern, war damit schon aufgegeben – diesmal für immer.