2000 Jahre Römer in Germanien
   

 

Römerlager in Westfalen – Was Varus?


Phil Hill, Berlin, August 2008

Groß war die Aufregung als westfälische Archäologen Ende Juli in Barkhausen, einem Stadtteil von Porta Westfalica, die Reste eines römischen Lagers entdeckten. Zu Recht, denn die Römer besetzten Westfalen nur etwa 20 Jahre lang, die Zahl ihrer großen Lager im rechtsrheinischen Nordwesten Deutschlands ist einstellig und ein solcher Fund daher ein Ereignis. Doch musste es, wie aus vielen Pressemitteilungen zu vernehmen war, gleich ein „Varus-Lager“ sein – entweder eine Residenz des Mannes, der die schmachvollste Niederlage der römischen Geschichte zu verantworten hatte, oder sogar ein Teil dieses Schlachtgeschehens?

Publius Quintilius Varus versah nur 2 Jahre lang seinen Dienst als Legat und Prätor im neu eroberten Germanien, das er als Provinz organisieren sollte. Dazu kam es dann bekanntlich nicht, denn im September des Jahres 0009 führte er seine Armee in den Untergang. Und das nicht in Westfalen, wie lange vermutet, sondern im Osnabrücker Land – was viele Westfalen immer noch nicht so richtig wahrhaben wollen. So versprach die neuerliche Entdeckung auf heimischen Boden einen Ersatz: Hier, hieß es gleich hoffnungsvoll, habe Varus sicherlich gehaust, von hier aus sei er in das verhängnisvolle Hinterhalt ausgerückt.

Kein großer Wurf

Nun kommt die Ernüchterung. Brandspuren verraten zwar, dass das Lager nach der Schlacht in Flammen aufging, doch die Sieger der Varusschlacht überrannten nachher alles bis zum Rhein, solche Spuren findet man daher nicht selten. Für die seriöse Archäologie, wie Dr. Best und Bettina Temmel, die die Notgrabung leiten, stellen die interessanten, aber doch noch recht bescheidenen Funde, bestenfalls einen „möglichen“ Varus-Bezug dar. Auch die Aufarbeitung der ersten Ergebnisse fiel eher mager aus: Hatten erste Sondierungen die Reste eines Grabens um das Lager vermuten lassen, so entpuppten sich die Spuren nun als die einer etwas spätere Invasion: Eine Kommunikationskabel der Briten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Eindeutig römisch waren zwar 3 Kupfermünzen, leider ist man nach Reinigung und Analyse der Stücke aber nicht viel schlauer, denn ihr schlechter Zustand erlaubt keine Datierung. So weiß man nach wie vor weder wie Größe noch das Alter des Lagers.

Überraschend ist der Fund eigentlich nicht, denn hier, wo ein wichtiger Hellweg die Weser kreuzt, muss irgendeine römische Anlage gelegen haben. Susanne Wilbers-Rost, Chefarchäologin der Varusschlacht in Kalkriese bei Osnabrück, meint, der Marsch des Varus habe tatsächlich hier angefangen, der Göttinger Historiker Gustav-Adolf Lehmann vermutet eher einen Anmarsch aus dem Detmolder Raum, da diese Landschaft besser zum römischen Bericht über den germanischen Überfall passt. Entschieden ist diese Debatte durch den neuen Befund längst noch nicht. Es könnte sich auch um das Sommerlager einer einzigen der 3 „Varus-Legionen“ handeln, womit dann 3 mögliche – aber keineswegs gesicherte – solche Lager nun bekannt wären.

Zivilisation oder Freiheit?

Höchstwahrscheinlich war das Bauwerk sieben Jahre nach Varus´ Untergang Hauptstützpunkt für den letzten – erfolglosen – römischen Versuch, Germanien zu erobern. Tacitus beschreibt den Feldzug ausführlich, einschließlich eines der bekanntesten Streitgespräche der Antike, zwischen dem Germanen-Heerführer Arminius („Hermann“) und seinem Rom-treuen Bruder Flavus, der mit den römischen Legionen kämpfte. Die Weser trennte die Heere, nahe dem Lager standen die Brüder im Wasser und führten eine Polemik über die Werte, für die sie jeweils fochten: Flavus für die Größe und Ruhm des unbesiegbaren, strengen aber letztlich gerechten Weltreiches, Arminius für Heimat, Freiheit, Sippe und die Götter des Nordens. Es kam zu Schmähungen: Arminius verspottete Flavus‘ Orden, die Auszeichnungen für sein im Kampf verlorenes Auge, als lächerlichen Sklavenlohn und schlug seinem Bruder die Behauptung, seine Mutter trauere um ihren missratenen Sprössling, um die Ohren. Letztlich hätten die Schwerter die Sache entschieden, doch beide wurden von ihren Freunden zurück ans Ufer gezogen.

Die Römer querten am nächsten Tag die Weser, wurden dann aber zweimal – auf den Idisto-Wiesen (bei Lohfeld) und am Angrivarierwall (bei Leese) – so schwer geschlagen, dass sie Germanien räumen mussten, diesmal für immer. Diese Schlachtorte müssten eigentlich, auch für Heimatpatrioten, so befriedigend sein, wie die Varusschlacht selbst. Dabei wäre auch für alle gesorgt: Lohfeld liegt in Westfalen, südöstlich vom Barkhausener Lager, Leese weiter nördlich, kurz hinter der niedersächsischen Grenze.