2000 Jahre Römer in Germanien
   

 

„Varus, gib mir mein Pferd wieder!“

Phil Hill, Berlin, Oktober 2009

Hoch zu Ross blickte der Kaiser Augustus über die kleine Stadt, allerdings nur sein Standbild. Denn die Stadt an der Lahn, im heutigen Waldgirmes zwischen Gießen und Wetzlar, hieß wohl nach ihm: Augusta taunensis (die am Taunus), wie die Augustae der Treverer (Trier) oder der Vindeliker (Augsburg). Kaiserlich war auch die Qualität des Kunstwerks. Hier war kein Legionslager im Barbarenland, wo so etwas stand, da war Rom.

Doch nicht mehr lange. Im Oktober vor 2000 Jahren kam ein Bote angeritten, der es eilig hatte: Hoch im Norden sei ein Aufstand ausgebrochen, der Statthalter Varus sei gefallen, seine 3 Legionen ausgelöscht. Der Befehl lautete: Alles wird hinter den Rhein zurückgezogen, sofort. Was nicht weggeschleppt werden konnte wurde zerstört, was man dem Feind verweigern wollte, in die Brunnen der Stadt gekippt. Geschützt von den Garnisonssoldaten aus dem nahegelegenen Lahnau zogen die gescheiterten Stadtgründer durchs Lahntal ins sichere Koblenz. Die Reiterstatue des großen Cäsars hatten sie zerschlagen und entsorgen müssen, die Barbaren sollten sie weder schänden noch verwerten können. Als die Chatten – moderne Aussprache: „Hessen“ – ankamen, um es dem Arminius, ihrem Verbündeten im Norden, gleichzutun und die Römer zu vertreiben, fanden sie keine mehr. Was in der Hast noch liegengeblieben war, plünderten sie, dann steckten sie die Anlage in Brand.

Das alles hatte die heutige Archäologie bereits vermutet, als sie Anfang August einen11 Meter tiefen Brunnen ausgruben und den Kopf des Augustus-Pferdes bergen konnten. Seinen einen Fuß und etwas Geschirr hatten sie längst gefunden, daher war man sich sicher, dass es das Standbild gegeben hatte, dass es sich also um eine Stadt handelte. Dennoch ist der Fund eine Sensation, so Gabriele Rasbach von der Römisch-Germanischen Kommission, nicht nur wegen der hohen Qualität, die nur mit 2 weiteren Funden aus Italien vergleichbar ist. Denn die Funde aus diesem zweiten Brunnen der Stadt zeigen viel über das Leben und erhärten auch die Datierung der Gründung um 4 v. Chr. Der Untergang wird auf Grund historischer Kenntnisse mit 9 n. Chr. angegeben. Wo, wie hier, eine Brandschicht gefunden wird, geht man allgemein davon aus, dass die germanischen „Aufräumarbeiten“ nach der Varusschlacht sie hinterlassen haben.

Doch auch andere, weniger spektakuläre Funde der letzten Jahre ergänzen die herkömmliche Sicht der Geschichte. So wird immer klarer, dass die Römer ziemlich bald wieder über den Rhein vorstießen, auch im Hessischen, vermeldet Tacitus, sei ein altes Lager wieder aufgebaut worden. In der Tat: Ein Teil der Stadt, so Rasbach, zeige Zeichen militärischer Nutzung, an einer Stelle habe es wohl zu diesem Zweck eine Aufschüttung gegeben, wo auch ein Stück des Standbildes gefunden wurde. Erhärte sich das, so sei klar, dass die Römer wiederkamen. Und somit, dass es nicht die eine große, märchenhafte Schlacht war, in der die Römer „als sie frech geworden“, vom „Hermann“ geschlagen wurden, sondern dass erst ein siebenjähriger Krieg die germanische Unabhängigkeit sicherte.

Dass die Germanen Teile des Standbildes fanden und weiterverwerteten, ist aus Funden in der Umgebung sicher, eine andere Theorie lautet aber, erst sie hätten das Standbild zerschlagen und, als Geschenk an die Götter, den Pferdekopf in den Brunnen versenkt. Solche Frömmigkeiten sind zwar belegt, andererseits hat Arminius diesen Unsinn wohl beendet: am Ort der Varusschlacht bei Osnabrück fand man keine solche Opferstelle, vielmehr scheinen die Germanen bewusst alles verwertet zu haben, was sie kriegen konnten. Denn dass das Imperium zurückschlägt, war ihnen klar.